Unvergessen: Interview mit Marco van Hoogdalem

"Schalke liegt mir im Blut"

Marco van Hoogdalem im Trikot von Schalke 04

Marco van Hoogdalem gewann mit Schalke zweimal den DFB-Pokal. ©Imago/Team 2

Der FC Schalke 04 ist in der Krise, die alten Helden sollen die verfahrene Situation zum besseren Wenden. Marco van Hoogdalem feierte mit Stevens, Büskens und Asamoah einst große Erfolge. Wie er heute auf Schalke blickt, welche Merkmale der „Eurofighter“ dem aktuellen Team gut tun würden und warum „die Null muss stehen“ keine reine Abwehrstrategie war, haben wir zum Start unserer Interview-Reihe „Unvergessen“ mit dem Niederländer besprochen.

Marco van Hoogdalem, unvergessen die Saison 2001 mit dem Pokal-Sieg und der „Meisterschaft der Herzen“. Wie ist heute der Kontakt zu den alten Kollegen?
Marco van Hoogdalem: „Sehr gut. Jedes Jahr werden die ehemaligen Spieler zum letzten Heimspiel der Saison eingeladen. Da sieht man dann viele aus dieser Mannschaft wieder und es wird eine lustige Runde, die sich schnell wieder versteht.“

Mit Blick auf die erfolgreichen Zeiten, wie weh tut da die momentane Lage?
Van Hoogdalem: „Die ist sehr schmerzhaft. Das verdient der Verein nicht, das verdienen die Fans nicht. Es ist eine sehr bittere Situation. Alle Seiten müssen sich anstrengen, um das schlimmste Szenario zu verhindern.“

Wie groß ist die Gefahr, den Klassenerhalt zu verpassen?
Van Hoogdalem: „Die Gefahr ist sehr präsent. In den letzten sechs Spielen wurde nur ein Punkt geholt. Jetzt muss erst mal irgendwo Selbstvertrauen getankt werden. Das nächste Spiel ist auswärts gegen Hannover, das ist ein Sechs-Punkte-Spiel. Wenn du da nicht gewinnst, sieht es finster aus.“

Das will nicht in meinen Kopf. (über den Schalker Absturz in dieser Saison)

Wie haben Sie die Entwicklung von S04 unter Tedesco verfolgt?
Van Hoogdalem: „Ich verfolge Schalke sehr genau, das ist immer noch mein Verein. Es ist einfach traurig, dass sie letztes Jahr so eine gute Saison hatten, Vize-Meister geworden sind und ein Jahr später können sie auf einmal nichts mehr. Das will einfach nicht in meinen Kopf. Es kann nicht nur am Trainer liegen. Ich glaube, er ist ein lernbegieriger Mensch, der das Pech eines gespaltenen Kaders hat.“

Wo ist es schief gelaufen?
Van Hoogdalem: „Wenn wir das wüssten, stünden wir da jetzt nicht. Für Außenstehende ist es immer schwer zu beurteilen. Fragt man zehn Leute, bekommt man wahrscheinlich zehn verschiedene Meinungen. Es ist nicht leicht zu erklären, aber Fakt ist: Du bist jetzt in dieser Situation. Da musst du irgendwie rauskommen.“

Marco van Hoogdalem und Huub Stevens von Schalke 04

Im Winter 1996/97 folgte Marco van Hoogdalem Huub Stevens von Roda Kerkrade zum FC Schalke 04.

Mit Mike Büskens und Huub Stevens haben zwei Ihrer alten Weggefährten nach dem Debakel das Traineramt bei S04 übernommen, Gerald Asamoah ist Teammanager. Die richtige Entscheidung?
Van Hoogdalem: „Es ging jedenfalls nicht mehr mit Domenico Tedesco, auch wenn es nicht an ihm lag. Aber die Chemie zwischen Spielern und Trainer hat nicht mehr gestimmt.

Da mussten sie etwas unternehmen und ich glaube, dass sie die richtige Entscheidung für den Verein getroffen haben: jemand, der Erfahrung hat, mit einem jüngeren, enthusiastischem Mann und einem, der die Stimmung in einer Mannschaft beeinflussen kann. Ich hoffe, die Mannschaft nimmt diese Zutaten an und formt wieder ein Team, das schwer zu schlagen ist.“

Er hat die Aufgabe aus Liebe zum Verein übernommen. (über Huub Stevens)

Den größten Teil Ihrer Karriere war Huub Stevens Ihr Trainer. Was macht ihn auch heute noch zum geeigneten Mann für Schalke?
Van Hoogdalem: „Wie gesagt, weil er einfach die Erfahrung hat. Er war mehrere Male in dieser Situation. Er weiß, was jetzt von den Spielern verlangt wird und was vom Trainerstab verlangt wird. Außerdem denke ich, er hat die Aufgabe aus Liebe zum Verein übernommen. Er will etwas an die Fans zurückgeben. Ich hoffe, so funktioniert es wieder.

Stevens prägte den Satz „Die Null muss stehen“. Wie kam ausgerechnet ein holländischer Trainer eigentlich zu diesem Ansatz?
Van Hoogdalem: „Wenn du kein Tor kassierst, kannst du schon nicht verlieren, das ist ein ganz einfacher Gedanke. Er meinte damit eigentlich, wenn die Organisation stimmt, kann man daraus weiteres Vertrauen schöpfen. „Die Null muss stehen“ sind seine wichtigsten Worte, die hoffentlich auch jetzt wieder für die Umkehr sorgen.“

Jeder muss sich unterordnen. (über die nötige Einstellung in der jetzigen Schalker Situation)

„Die Null muss stehen“ ist also nicht unbedingt eine defensive Spielweise?
Van Hoogdalem: „Nein, das muss überhaupt kein defensiver Stil sein. Wir hatten damals auch genug Spiele, in denen wir nicht zu Null gespielt haben. Aber wir waren schwer zu schlagen und das ist eben der Fall, wenn die Organisation stimmt. Du musst nicht defensiv spielen, aber wenn jeder weiß, was von ihm verlangt wird, lässt es sich ein gutes Stück leichter spielen.“

Gerade die defensive Spielweise wurde Domenico Tedesco vorgeworfen. Wird Huub Stevens nun offensiver spielen lassen?
Van Hoogdalem: „Das weiß ich nicht, aber er wird die Spieler zur Einsicht bringen, dass es nicht ausgereicht hat, was sie bisher gebracht haben. Es wird mehr Arbeitswille, mehr Lauffreude, mehr gegenseitiges Helfen brauchen. Das sind die wichtigsten Dinge. 

Es ist ganz einfach für einen Spieler, der den Trainer nicht mehr mag, sich hängen zu lassen und seine Aufgaben nicht mehr zu erfüllen. Jetzt müssen sie sich beweisen. Man sieht es ja: Er schickt einen Bentaleb in die zweite Mannschaft. Jeder muss sich unterordnen, das ist nur gut.“

Schalke Mannschaftsfoto 2001

Die „Meister der Herzen“ der Saison 2000/01. ©Imago/Kicker/Liedel

Zurück zu Ihrem alten Team: Der S04-Kader war damals sehr niederländisch/belgisch geprägt. Welche Vorteile brachte das mit sich?
Van Hoogdalem: „Wir konnten alle die Sprache sehr schnell. In der Schule haben wir alle Deutsch gelernt. Sogar wenn wir Niederländer untereinander waren, haben wir Deutsch gesprochen. Ich glaube, es war das Wichtigste, dass alle sich gegenseitig verstehen konnten und sich die Mühe machten, die Sprache zu lernen.

Ich finde, heutzutage ist es sehr schwierig mit den ganzen verschiedenen Sprachen in der Mannschaft weiter Deutsch zu sprechen. Du brauchst jetzt Englisch, Französisch, Deutsch und das reicht noch nicht.“

Das hat es nie gegeben. (über Gruppenbildung im Kader zu seiner Zeit)

Es gab bei Ihnen also nie Gruppenbildung?
Van Hoogdalem: „Nein, das hat es nie gegeben. Ich glaube, es war unsere Stärke, dass wenn es dazu zu kommen drohte, wir geschlossen genug waren, die betreffenden Personen zur Ordnung zu rufen.“

Würden vielleicht mehr Niederländer dem FC Schalke heute auch gut tun?
Van Hoogdalem: „(Lacht.) Dann müssen sie auch gut sein. Das ist natürlich leicht gesagt, aber das ist nicht garantiert. Aber es stimmt schon, dass man nicht zu viele Spieler aus unterschiedlichen Ländern holen sollte, weil dann einfach die Sprache zu einem Problem wird.

Niederländer oder Belgier sind eben oft die Jungs, die sich schnell anpassen. Nichtsdestoweniger musst du aber nach Qualität suchen, nicht in erster Linie jemanden, der die Sprache spricht.“

Man sollte nicht zu viele Spieler aus unterschiedlichen Ländern holen. (über Kaderzusammenstellung)

Schaut Schalke gar nicht mehr in die Niederlande auf der Suche nach Verstärkung?
Van Hoogdalem: „Das weiß ich nicht, weil ich den Scouting-Apparat nicht kenne. Es gibt sicherlich genug gute junge Spieler in den Niederlanden, die auch bei Schalke eine gute Figur machen würden. Ob sie das nicht mitbekommen? Keine Ahnung.“

Sie sind inzwischen selbst Trainer in der Jugend von Roda JC. Was haben Sie sich von Huub Stevens abgeschaut?
Van Hoogdalem: „Die Bedeutung von Disziplin, die verschiedenen Übungsformen, die er im Training einbaute, vor allem der Abwechslungsreichtum der Übungen, das nehme ich heute auch noch mit.

Der Spaß ist auch wichtig, wohl wissend, dass es um gewinnen und verlieren geht. Aber die Spieler müssen mit Freude zum Training und zum Spiel komme. Wenn du diese Einstellung hast, bringt das schon zu 50 Prozent gute Ergebnisse.“

Wenn ein gutes Angebot kommt, würde ich nie sofort ablehnen. (über eine Aufgabe beim FC Schalke)

Sie sagten einmal, das Schalke-Virus hätte Sie von Anfang an gepackt. Warum sind Sie nach der Karriere nicht im Verein geblieben, als Jugendtrainer zum Beispiel?
Van Hoogdalem: „Ich bin damals in die Niederlande gegangen, es ist also schon ein gewisser Abstand zum Verein. Aber es gibt vielleicht noch Möglichkeiten, das in Zukunft noch zu tun. Das muss ich mir dann gut überlegen. Ich habe ja auch ein eigenes Geschäft (ein Gasthof, Anm. d. Red.), das ist sehr fordernd.

Wenn ein gutes Angebot kommt, würde ich aber nie sofort ablehnen. Schalke liegt mir im Blut. Letzte Woche war ich mit meinen beiden Söhnen in Manchester (Champions League, 0:7, Anm. d. Red.), sie haben das Virus also auch schon.“ 

Das war aber nicht die beste Erfahrung…
Van Hoogdalem: „Nein, aber die beiden haben viel gesehen. Ich wurde auch von einigen Leuten erkannt, das hat sie schon beeindruckt. Aber das Ergebnis war tatsächlich nicht so gut.“

Herr van Hoogdalem, vielen Dank für das Gespräch!